Ein Tag in der Tierklinik
8.00 Uhr - STATION
Der Alltag für das derzeit siebzehnköpfige Tierärzteteam der Tierklinik Hofheim beginnt mit der allmorgendlichen Stationsvisite. Während die Einen noch erschöpft vom vorausgegangenen Nachtdienst die ersten (von zahlreichen) Kaffeetassen genießen, leiten andere bereits erste Anweisungen für OP-Vorbereitungen an die Tierarzthelferinnen weiter. Der Stationsarzt, der die 20-30 stationären Patienten ganztägig betreut, stellt die Krankengeschichte jedes einzelnen Tieres vor und man diskutiert anschließend in der Runde den Therapieplan. Es folgt die Beurteilung aller Röntgenbilder sowie interessanter CT- und Sonografiebefunde des Vortages, was dank Digitaltechnologie nunmehr bequem am Computer erfolgen kann.9.30 Uhr - OP-VORBEREITUNG
Laute Rufe oder hektisches Treiben in der OP-Vorbereitung sind ein untrüglicher Hinweis darauf, daß sich Dr. Kessler bereits in seinem Hauptwirkungsfeld befindet. Ein Blick in OP 1 zeigt ihn bei einer seiner „Lieblingsoperationen“ – der Kieferresektion. Dieser bei diversen malignen Neoplasien der Maulhöhle indizierte, meist recht blutige chirurgische Eingriff dauert ca. 2 Stunden; da an diesem Vormittag auch noch die Amputation einer Gliedmaße aufgrund eines Osteosarkoms, die Resektion eines Fibrosarkoms bei einer Katze sowie eine Penisamputation beim Kater auf dem Programm stehen, ist die Einhaltung des Zeitplanes absolut entscheidend. Ein Team von über 25 Tierarzthelferinnen (und neuerdings einem Helfer!), eingeteilt in die Gruppen Ambulanz, OP und Station, sorgen für einen (meist) reibungslosen Ablauf.Dr. Kessler ist in unserer Klinik verantwortlich für sämtliche onkologische Fragestellungen. Im Einzelnen umfasst dieses Aufgabenspektrum alle operativen Eingriffe im Rahmen der Tumor- und rekonstruktiven sowie der allgemeinen Weichteilchirurgie, außerdem die onkologische Sprechstunde sowie Chemotherapien.
10.00 Uhr - OP 2
Im Nachbar-OP geht es bedeutend ruhiger zu. Dr. Kosfeld beschäftigt sich gerade mit der arthroskopischen Beurteilung einer Bizepssehne, während sein nächster Patient, ein Rottweiler mit Kreuzbandriß, bereits für die Tibia plateau leveling Osteotomie vorbereitet wird.Spezialgebiet von Dr. Kosfeld ist die orthopädische Chirurgie einschließlich Arthroskopien, außerdem knifflige Fragen der Zahn- und Kieferheilkunde. Seit einiger Zeit beherrscht er die Technik der Hüftendoprothese nach der „Zürich cementless“-Methode.
11.00 Uhr - OP 3
Dr. Stengel hat alles vorbereitet zur Durchführung einer Gastroskopie bei Katze „Tiger“, die seit ca. 4 Monaten chronisches Erbrechen plagt. Die endoskopische Untersuchung wird auf Video aufgezeichnet und kann bei interessanten Befunden anschließend dem Besitzer präsentiert werden. Dr. Stengel beschäftigt sich in erster Linie mit gastroenterologischen Problemstellungen aber auch mit allgemeiner Innerer Medizin. Endoskopien und Bronchoskopien gehören zu ihren Lieblingstätigkeiten.11.25 Uhr - OP-VORBEREITUNG
Es herrscht wieder Aufregung im OP-Bereich, Braunülen, Infusionen und Magensonden werden vorbereitet. Gerade ist ein Schäferhund mit Verdacht auf Magendrehung eingeliefert worden! Nach kurzer Zwischenstation im Röntgen mit dem Nachweis einer klassischen „Zipfelmütze“ wird dem kreislaufmäßig inzwischen sehr labilen Tier vom OP-Arzt ein venöser Zugang gelegt und Infusions- sowie Schocktherapie in die Wege geleitet. Trotz perkutaner Entgasung ist es nicht möglich, eine Magensonde zu schieben. Glücklicherweise hat Dr. Kessler bereits die Gliedmaßenamputation beendet und kann die Not-OP sofort durchführen.12.00 Uhr - CT-RAUM
Die morgens um 7.00 mit Paraparese eingelieferte Dackelhündin Emma ist nach eingehender neurologischer Untersuchung mittlerweile im CT angekommen, und Dr. Tassani entdeckt rasch den ursächlichen Bandscheibenvorfall. Nach telefonischer Rücksprache mit dem Besitzer wird er das Tier in der „Mittagspause“ operieren. Zu Dr. Tassanis Aufgabenschwerpunkten zählen Bildgebende Diagnostik (CT, Sonografie, Fluoroskopie), Strahlentherapie und Nuklearmedizin sowie die Neurochirurgie.12.55 Uhr - WARTEZIMMER
Eine Mutter mit weinendem Kind und Katzenkorb stürzt völlig aufgelöst ins Wartezimmer. Ein kurzer Blick des Notarztes auf die blaue Zunge und die hochgradig abdominal betonte Atmung der Katze genügt, sofort das Notfallteam in Bereitschaft zu versetzen. Schon beim Abhören erleidet das Tier einen Atem- und kurz darauf einen Herzstillstand. Schnelle Intubation, Beatmung, Atropin und Adrenalin holen Minka ins Leben zurück. Nachdem sie sich unter Sauerstoffbehandlung etwas stabilisiert hat, kann ein Röntgenbild angefertigt werden, das rasch die Ursache der Atemnot ans Licht bringt: Minka hat einen hochgradigen Thoraxerguß, welcher die Herzsilhouette nur schemenhaft erkennen läßt. Die Katze wird daraufhin sofort zum Ultraschall transportiert. Unter minimaler Narkose punktiert Dr. Bessmann den Thorax und zieht 120ml klare Flüssigkeit ab, die direkt zur Analyse an das hauseigene Labor weitergeleitet wird. Infolge der Punktion ist es nun möglich, weitere Strukturen im Brustkorb zu erkennen. Ein weitgehend unauffälliger Herzbefund schließt das Vorliegen einer primären Herzerkrankung nahezu aus, im kranialen Mediastinum jedoch findet sich eine ca. walnußgroße Masse. Per Feinnadelaspiration kann eine Probe gewonnen und unter dem Mikroskop begutachtet werden, bevor Minka erst einmal Ruhe in einer Box auf der Station findet. Die Punktate von präkardialer Masse sowie Thoraxerguß bestätigen leider die bereits vermutete Diagnose: malignes Lymphom.14.00 Uhr - AUFENTHALTSRAUM
Einige Ärzte und Helferinnen treffen sich zu einer kurzen Mittagspause, bevor Rücküberweisungen geschrieben und Telefonate geführt werden. Im OP hat Dr. Kessler gerade die Penisamputation von Kater Moritz beendet, während Dr. Tassani noch dabei ist, die Bandscheibe von Emma zu entfernen.15.00 Uhr - BEHANDLUNG 6
Ein Chow-Chow mit geröteten juckenden Hautveränderungen wird bei Frau Löwenstein vorstellig. Hautgeschabsel, Abklatschpräparat sowie Haarproben wurden bereits untersucht, jetzt steht ein Allergietest an. Bei Bedarf kann anschließend eine individuelle Desensibilisierungstherapie durchgeführt werden.Dr. Löwenstein ist unsere Expertin in Sachen Dermatologie, ein Schwerpunkt liegt in der Erstellung individueller Therapiekonzepte für Tiere mit allergischen und anderen chronischen Hauterkrankungen.
16.00 Uhr - BESTRAHLUNG
Vor einer Woche war Mischling Max mit therapieresistentem, rechtsseitigem blutig-eitrigem Nasenausfluß und beginnendem Exophthalmus des rechten Auges auffällig und von einem Kollegen zur weiteren Diagnostik in die Klinik überwiesen worden. Mit Hilfe computertomografischer Studien konnte man eine deutliche Weichteilverschattung im Bereich der rechten kaudalen Nasenhöhle mit Osteolyse der Nasenscheidewand und Einbruch in den Retrobulbärraum erkennen. Zur definitiven Diagnose wurden per Tru-Cut-Nadel einige Biopsien entnommen sowie zwecks Metastasensuche eine Röntgenaufnahme des Thorax erstellt. Die histopathologische Untersuchung ergab bei Max ein Adenokarzinom der Nasenhöhle. In der Zwischenzeit hat Frau Kandel
anhand computertomografisch unterstützter Berechnungen ein Bestrahlungsprogramm erstellt, welches bei „kurativer“ Intention 16 Bestrahlungsfraktionen und bei palliativer Bestrahlung 3-5 Behandlungen umfasst. Bei einer kurativen Bestrahlung können bei 15-48% der Hunde Überlebenszeiten von über 2 Jahren erreicht werden, eine palliative Bestrahlung zielt vorwiegend auf eine Linderung der Symptome und Verbesserung der Lebensqualität ab. Hier werden mediane Überlebenszeiten von 7 Monaten erreicht. Heute hat Max die erste Bestrahlungssitzung vor sich. Frau Kandel transportiert ihn gerade im Aufzug in den Keller zu dem klinikeigenen Cobalt-Strahlentherapiegerät. Bei problemlosem Verlauf wird der Hund die Klinik in rund einer Stunde wieder verlassen können. Frau Kandel ist als weiteres Mitglied des „Onko-Teams“ in erster Linie verantwortlich für die Berechnung und Durchführung der Bestrahlungstherapie von Tumorpatienten.
17.00 Uhr - SONO-RAUM
Die 8 Monate alte Mischlingshündin Candy zeigt seit 2 Monaten deutliche Leistungsschwäche. Da bei einem Kollegen zudem ein lautes Herzgeräusch auskultiert wurde, überwies er das Tier zum Kardiologen. Nun liegt Candy seitlich auf einer bequemen Schaumstoffunterlage und beobachtet zusammen mit ihrem Herrchen den Bildschirm. Mittels Dopplertechnik gelingt es Dr. Bessmann schließlich, den persistierenden Ductus Botalli nachzuweisen und Länge sowie Durchmesser zu vermessen. Nach einer ausführlichen Beratung hat der Besitzer die Möglichkeit, die durchgeführte Untersuchung per CD-ROM nochmals in Ruhe zuhause Revue passieren zu lassen und sich eventuell im Familienrat für OP oder Kathetertechnik zu entscheiden.Dr. Bessmann ist unser Fachmann für Herzensangelegenheiten sowie alle Fragestellungen der Inneren Medizin. Neben Echokardiografie sowie Abdomensonografie führt er auch Gastro- und Bronchoskopien durch.
18.00 Uhr - BEHANDLUNG 2
Dr. Rupp untersucht gerade den 1 jährigen Luca, der wegen Schmerzen und rezidivierendem Fieber vorgestellt wurde. Bei der neurologischen Untersuchung zeigt der Hund eine deutliche Dolenz in der Halswirbelsäule. Aufgrund Anamnese und Alter des Tieres entschließt sich Dr. Rupp zur Durchführung einer Liquorpunktion. Nachdem im Labor hämatologische und biochemische Parameter unauffällig befundet wurden, wird Luca „schlafen gelegt“. Der punktierte Liquor zeigt einen hohen Eiweiß- und Zellgehalt und wird zu weiterer Diagnostik ins Fremdlabor verschickt. Aufgrund des hohen Verdachtes einer steroidresponsiven Meningitis erhält Luca nach dem Aufwachen seine erste Cortisondosis bevor er erst einmal wieder nach Hause entlassen wird. Die Aufgabengebiete von Dr. Rupp beinhalten das weite Spektum der allgemeinen und orthopädischen Chirurgie außerdem die Neurologie.19.00 Uhr - STATION
Eine letzte Runde durch die Station steht an, um neu aufgenommene Patienten zu analysieren und Therapiepläne für die Nachtschicht zu erstellen. Man trifft hier auf viele „alte“ Bekannte und freut sich, daß es beispielsweise Henry, der „Kieferesektion“ vom Vormittag, schon so gut zu gehen scheint, daß Knurren und (Rest)zähnefletschen offenbar kein Problem darstellen. Auch der Schäferhund, bei dem am Mittag die Gastropexie durchgeführt worden war, macht bereits einen munteren Eindruck; dennoch wird zur Sicherheit noch ein EKG angeordnet. Emma, die „Wirbelsäule“, blickt etwas gelangweilt aus ihrer Box. Die Besitzer von Minka haben sich zu einer Chemotherapie nach dem „Hofheimer Protokoll“ entschlossen. Die Katze hat am Nachmittag bereits die erste Injektion erhalten und wird noch 2-3 Tage zur Beobachtung und Stabilisation stationär bleiben. Die restliche Therapie kann größtenteils ambulant durchgeführt werden und Minka wird dabei eine gute Lebensqualität behalten.19.50 Uhr - WARTEZIMMER
Ein Golden Retriever wird auf einer Trage in die Klinik gebracht. Blasse Schleimhäute, schwacher Puls und ein pralles Abdomen geben erste Hinweise und veranlassen den diensthabenden Arzt sofort eine Sonografie durchzuführen. Ein rupturierter Milztumor ist die Ursache für den hochgradigen blutigen Aszites. Da im Röntgenbild keine Metastasen zu erkennen sind, wird von den Helferinnen bereits alles für die anstehende OP vorbereitet, während der Arzt den Besitzern die traurige Nachricht überbringt. Bereits 30 Minuten später kann der erste Schnitt gesetzt werden.21.00 Uhr - BÜRO,
leise Musik und lautes Tippen am PC - Nun ist es an der Zeit, die über den Tag angesammelten Telefonate an Besitzer und Kollegen zu tätigen sowie restliche Rücküberweisungen zu erledigen.21.30 Uhr - WARTEZIMMER
Während der diensthabende Arzt gerade die Milz-OP erfolgreich beendet, haben sich bereits vier neue Patienten im Wartezimmer versammelt. Ein Hund mit blutender Bißverletzung, ein Meerschweinchen mit Apathie, eine Katze deren Verband sich gelöst hat sowie ein Hund mit Zecke. Nachdem der Arzt dem Besitzer des Hundes mit dem „Zeckenproblem“, der sich darüber beschwert, „trotz Notdienst bereits 15 Minuten gewartet zu haben“, erklärt hat, daß die Notfälle in der Reihenfolge medizinischer Notwendigkeit behandelt werden, macht er sich an die Arbeit. Nach kurzem Blick auf den Schweregrad der Bißverletzung wird die Helferin beauftragt, den gerade gereinigten OP für die nächste OP vorzubereiten. Per Palpation und Ultraschall kann bei dem Meerschweinchen rasch die Diagnose „Ovarialzysten“ gestellt werden. Auch der Verband ist zügig wieder angelegt und das „Zeckenproblem“ hat sich mittlerweile in Luft aufgelöst.22.30 Uhr - OP
Versorgung der Bißverletzung.23.30 Uhr - AUFENTHALTSRAUM
Während Tierarzt und Helferin noch den Moment der Ruhe und das aufgewärmte Mittagessen genießen – Sturmklingeln an der Türglocke. Ein Berner-Sennenhund mit akutem Abdomen bei sehr schlechtem Allgemeinbefinden wird eingeliefert. Höchstgradig aufgegaste Darmschlingen im Röntgen drängen zu einer raschen OP. Der Sekundärdienst wird verständigt und das Tier für die OP vorbereitet. In Erwarten eines Fremdkörpers als ursächliches Moment der Ileussymptomatik (der Besitzer berichtete, daß ein Socken vor 5 Tagen unerklärlicherweise verschwunden war), eröffnet Dr. Kessler die Bauchhöhle. Im kranialen Abschnitt des Ileums findet sich tatsächlich die gesuchte Einziehung. Leider wird schnell deutlich, daß nicht ein Socken, sondern vielmehr eine pflaumengroße Umfangsvermehrung das Darmlumen fast völlig verlegt. Da sich auch im umgebenden Netz bereits winzige Abklatschmetastasen finden und die Lymphknoten derbknotig verändert sind, ist eine Enterotomie sehr fraglich zu beurteilen. Nach einem tränenreichen Gespräch mit den völlig überraschten Besitzern wird das Tier noch in Narkose euthanasiert.